Unter den schillernden Bühnenlichtern in den Zentren der Macht

Es waren die Frauen, die bereits im 18. Jahrhundert um ihre gleichberechtigten Bürger:innenrechte ihre Leben opferten. Seither dauern die Frauenkämpfe an. In den 1970er Jahren erkannten die Aktivist:innen, dass der Kampf gegen den Sexismus nicht unabhängig vom Kampf gegen den Rassismus funktionieren kann und beides in Verbindung mit dem Klassenkampf gehandhabt werden müssen. So wurde in der Folge der Kampf um die Machtteilhabe in den Entscheidungszentren an sich in Frage gestellt, zumal die Akteuer:innen von diesen Zentren meistens absorbiert und in der Vitrine dann in ihrer Ohnmacht-situation zu Re-produzent:innen des bestehenden Systems selbst geworden sind. Längst wurde es klar, dass es das kritische und reflektierte Bewusstsein braucht, das einer Selbst-marginalisierung durch ein organisiertes Agieren gegenüber den Strukturen einer männlich geprägten Ideenwelt gegenwirkt.  Es scheint, dass sich die Bewegungen ab den 1980ern und 1990ern in der postmodern gepuschten Idee des „Sichtbarseins“ in Entscheidungspositionen und in der „sichtbaren Repräsentanz“ verloren haben. Dass die Repräsentanz eine Verantwortung der Übertragung der Forderungen von den organisierten Massen von der Peripherie in die Zentren hin ist – um diese zu verändern und Machtachsen zu verschieben – wird geradezu unmöglich, zumal die Eingliederung in etablierte Strukturen, die akzeptierte Ohnmacht mit sich bringt. Eine Spirale, die sich bereits seit mehreren Jahrzehnten nach unten dreht, dessen Konsequenzen sich gerade in Zeiten einer Pandemie im mangelnden Durchsetzungsvermögen und der fehlenden Kraft selbst die einst erreichten und erkämpften Errungenschaften zu schützen, erkennbar macht.

Frauen sind nicht nur Träger:innen systemrelevanter Jobs

Besonders in Zeiten wie die Pandemie werden abermals tief in die Taschen der Arbeitenden gegriffen. Die Forderungen richten sich wie üblich auch dieses Mal von den „Obigen“ nach unten. Die Beschäftigten sollen die Rettung eines etablierten Systems aufnehmen, dessen Strukturen selbst für den Ausbruch und  die Vertiefung vorhandener Probleme verantwortlich sind. Insbesondere die nach wie vor bestehende „Mittelklasse“ hofft auf die Rettung in die Zeit vor dem Corona, egal wie und durch wen. Frauen tragen dabei abermals die doppelte und dreifache Last, da es wieder sie sind, die die traditionellen und Geschlechter-stereotypisierten Rollen übernehmen müssen. Sie werden nicht nur dazu gezwungen, sondern nehmen z.T. aus Sorge um ihre Existenzen sogar Rückfälle in ihren Forderungen für Gleichberechtigung in Kauf. Frauenthemen rücken in den Hintergrund. Das Frauenministerium als solches gibt es nicht. Der Anteil der Frauen ist in der Vitrine zwar sichtbar, diese funktionieren jedoch selbst oft als Handlanger eines Männersystems. Die Frauen üben nicht nur die sogenannten systemrelevanten Jobs aus, sondern sind sie auch hier und dieses Mal jene, die für den Erhalt des bestehenden Systems überhaupt eingesetzt werden. Das Bestehende verlangt das klassische, das übliche Rollenspiel: Liebe, Verständnis, Geduld, Aufopferung und Selbstlosigkeit; zurück ins Haus und hinters Herd…

Die eigenen vier Wände sind lebensbedrohlich

Weltweit auch in den so genannten entwickelten Ländern des globalen Westens steigt die Zahl der Gewalt an Frauen. Die Rahmenbedingungen der Covid-Pandemie begünstigen die Situation einmal mehr zum Nachteil von Frauen. Hier manifestiert sich die Männergewalt auch an Kindern, älteren und behinderten Mitmenschen.

Diverse Untersuchungen und Erhebungen sind sich darüber einig, dass sich mit dem Anstieg sozialer Ungleichheit, weiter steigendem Prekariat am Arbeitsmarkt, und stärkerer Begünstigung dieses Trends durch die Covid-Pandemie, die Gewaltrate weiter erhöhen wird. Die gebildeten, bürgerlichen Männer des 19. Jahrhunderts erklärten, dass die Frau das “unvollkommene Geschlecht”, “etwas zwischen Mensch und Tier” ist. Es wurden unzählige Konzepte behauptet, die die “Natur der Frau” zu erklären suchten. Was ist die Position von Männern gegenüber dem herrschenden deterministischen Narrativ, dass es geradezu der “Natur entspricht”, dass Männer, die am Arbeitsmarkt unter Druck gesetzt und überhaupt durch die Pandemie gereizt sind ihre Aggressionen zuhause in ihren eigenen vier Wänden am nächst-Näheren auslassen müssen? Vielleicht sind es auch die Männer, die als erste gegen diese Degradierung und Verachtung ihres Geschlechts und systemische “Normalisierung” von Gewalt, die durch ihre Hand und ihren Körper durchgesetzt wird, aufschreien müssen – gemeinsam und in Solidarität mit den Frauen.  

Femizide werden verharmlost

Die genderequalitymedia.org hält fest, dass 92 Prozent der gezählten Artikel in den deutschen Medien von Januar bis Juni 2020 Gewalt gegen Frauen verharmlosen. Ähnlich wird der Prozentsatz in Österreich sein. In Ländern wie die Türkei z.B. dominieren Skandalverfahren, dass Vergewaltiger straffrei davonkommen. Darum richtet sich der Widerstand der Fraueninitiativen im Land gegen den Männerbund-Staat selbst. In Lateinamerika ist die Situation noch einmal drastisch, da Frauen noch nicht einmal formal vor dem Gesetz geschützt sind.

Das UN-Women Papier „Progress of the world’s women 2019-2020; Families in a changing world“[1] erklärt, dass weltweit täglich 137 Frauenmorde passieren. Jede dritte Frau wird weltweit von einem nahen männlichen Familienmitglied oder ihrem Partner und Ex-Partner körperlich oder sexuell missbraucht, und Vergewaltigung in der Ehe wird nur in vier von zehn Ländern unter Strafe gestellt. Jede fünfte Frau zwischen 15 und 49 Jahren erfährt Gewalt und Missbrauch durch ehemalige oder unmittelbare Partner. Es sterben weltweit mehr Frauen an Gewalt durch Männer, als an Erkrankungen wie Krebs oder Verkehrsunfälle. Am 2. September 2020 veröffentlichte der Eurostat, dass Österreich 2017 das einzige Land gewesen ist, in dem mehr Frauen durch Gewaltverbrechen ums Leben gekommen sind als Männer. (2017: 27 von 48 Ermordeten waren Frauen; 2016, 26 von 44; 2015, 30 von 50) Mit Oktober 2020 verzeichnet Österreich den 19. Frauenmord. Die Europäische Kommission[2] notiert mit November 2020, dass eine von drei Frauen ab 15 Jahren körperlicher Gewalt oder sexuellen Missbrauch erfahren. Eine von zwei Frauen in der EU hat sexuelle Belästigung und eine von zehn Frauen hat Belästigung im Netz erfahren.

Mittlerweile gibt es unzählige Erhebungen im Ländervergleich, so z.B. wurden allein in der Türkei im Jahre 2019 offiziellen Zahlen zufolge 474 Frauen durch ein männliches Familienmitglied ermordet. In der ersten Hälfte des Jahres 2020 wurden täglich drei Frauen ermordet; aktuell sind es 285 Frauen. Die Plattform „One Billion Rising“ meldete 2019 135 Femizide für das Nachbarland Deutschland.

Frauen müssen lauter und fordernder werden

Die Probleme können nicht mit den Methoden und Denkweisen gelöst werden, die sie geschaffen haben bzw. schaffen. Unzählige Rapports, Berichte und Statistiken sowie viel Arbeit am Papier können nicht Ziel und Zweck Jahrhunderte-übergreifender Frauenkämpfe gewesen sein. Genauso wenig das sich Zufriedengeben mit Almosen-ähnlichen Ergebnissen aus Verhandlungsrunden mit Etablierten.  

Alternative Instrumente wurden von den Frauenbewegungen des 20. Jahrhunderts vorgeschlagen. Diese gilt es anzuwenden und reflektiert weiter zu entwickeln. Es braucht den Aufbau von Kommunikationskanälen zwischen den Frauengruppen und -initiativen, die es weltweit und landesweit gibt; damit ein erster Schritt, um sich aus den eigenen oft allmählich homogenisierten Rahmen sowie Umfeld und aus der erzwungenen und/oder freiwilligen Selbst-marginalisierung zu retten. 

Zuallererst braucht es der kraftvollen Erhebung der Stimmen, konsequenten Eroberung von Räumen, fest entschlossener Forderung und Leben einer Geschlechter- und Diversität-sensibilisierten Sprache. Es braucht insgesamt einer organisierten, kämpferischen, lauteren und kraftvolleren Einspruchserhebung durch Frauen, denn wenn Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht…

zeynemarslan

25.11.2020

 

[1]

https://www.unwomen.org/en/digital-library/progress-of-the-worlds-women

[2]  https://ec.europa.eu/info/sites/info/files/aid_development_cooperation_fundamental_rights/factsheet_lets_put_an_end_to_violence_against_women_en.pdf