Vortragsinhalte – Abstrakte zu den Vorträgen der Referent_Innen

Erstes Panel Teil A

Heiner Eichner – Zaza Geschichte und Gegenwart einer nordwestiranischen Sprache aus sprachwissenschaflicherPerspektive

Für dieerst in der Mitte des 19. Jahrhunderts entdeckte nordwestiranische Sprache hat sich in der Sprachwissenschaft der Name „Zaza“, „Zazaki“ oder „Zazaisch“ einzubürgern begonnen. Der Vortrag befasst sich mit Forschungsgeschichte, Hypothesen zur genetischen Verwandtschaft, mit der Abgrenzung gegenüber den kurdischen Dialekten, dem Vorgang der Verschriftlichung und Problemen der Etablierung eines neuen überdialektalen Standards. „Zaza“ erweist sich dabei als eine aktuelle Herausforderung für die Sprachwissenschaft.

Mesut Keskin – Zu Standardisierungsbemühungen für eine dialektübergreifende Schriftsprache im Zazaki

Trotz einer Verschriftlichung durch Kulturzeitschriften und Büchern von hauptsächlich folkloristischen Texten seit den 80er Jahren in der Diaspora, seit Mitte der 90er Jahre auch in der Türkei, hat das Zazaki keine einheitliche Schriftsprache entwickelt. Nur einzelne Mundarten der vorhandenen drei Hauptdialekte werden so schriftlich verfasst, wovon viele Mundarten bereits beschrieben (Paul 1998a, Keskin 2009), einige aber kaum verschriftlicht sind.

Die Verständlichkeit zwischen den Dialekten ist in der gesprochenen Sprache höher als in der geschriebenen, weil die Alphabetisierung in der Muttersprache wenig verbreitet und meist nur auf die jeweils eigene Umgebung und Mundart beschränkt ist.

Da Zazaki nur innerhalb der türkischen Staatsgrenzen und teilweise in der Diaspora als Alltagssprache gesprochen und aufgrund der repressiven Sprachpolitik des Staates immer weiter durch das Türkische verdrängt wird, gilt es laut UNESCO als eine gefährdete Sprache. Mittlerweile sind durch die türkische Schulpflicht und die Verbreitung der Medien bis in die Dörfer die meisten Zaza bilingual, in der Diaspora auch multilingual.

Jaffer Sheyholislami – Sprachliche Landschaften und rivalisierende Sprachideologien in Irakisch-Kurdistan

Dieser Vortrag gibt einen Überblick über die gegenwärtige sprachliche Landschaft in Irakisch-Kurdistan, die von verschiedenen Sprachideologien, die wiederum verschiedene soziopolitische Kräfte repräsentieren, die im Nationswerdungsprozess um Legitimität konkurrieren. Die Bandbreite der Ideologien reicht von regionalem Nationalismus, zu pankurdischem Nationalismus, Sprachrechten und Sprachinternationalisierung/Englisch. Der Kontext in Irakisch-Kurdistan bietet die Möglichkeit die komplexen Wechselbeziehungen zu analysieren zwischen transnationalen sprachlichen, politischen, historischen und soziokultureller Faktoren die auf Sprachverwaltung treffen. Der Vortrag versucht darzustellen wie in der Spätmoderne Sprachverwaltung im Allgemeinen und Offizialisierung im Besonderen mit Themen wie Nationenbildung, Sprachdiversität, Sprachrechten, Parteipolitik, transnationale und zwischenstaatliche ethnonationale Identitäten, Stimmen der Diaspora und neuen Kommunikationstechnologien verbunden sind.

Erstes Panel Teil B

Mehmet Emir – Multimediashow-“Meine Reise nach Hause”

Mehmet Emir ist seit 1981 in Wien. Sein Vater ist einer der ersten Gastarbeiter nach dem Anwerbeabkommen zwischen Türkei und Österreich 1963. Mehmet Emir ist absolvent der Akademie der Bildenden Künste in Wien und fotografiert seit 1983 jedes Jahr zum gleichen Zeitraum in seinem kleinen kurdischen Dorf in Dersim (Tunceli). Inzwischen befinden sich über zwanzig Tausend Fotografien aus diesem Dorf in seinem Archiv. Die meisten Fotografien sind Schwarz-weiß und Dias. In den letzten 10 Jahren steigt Emir auf die Digitalfotografie um. Die Diashow ist eine Mischung aus SW/Dias und Digitalfotografien sein.

„Kurdische Barden“. 1991 startet Emir in Zusammenarbeit mit der Uni-Wien Volksmusikforschung Institut eine ethnographische Feldforschung im Gebiet Dersim. Eine Auswahl der Musikstücke wurde im Jahr 1998 bei der Plattenfirma „ Extraplatte“ heraus gebracht. Hauptmerkmal wird, auf die Musik die in Zazaki gesungen wird, gelegt. Es sind auch Gespräche mit den Musikerinnen, derer Lieder sehr viel den Genozid in Dersim (Tunceli) als Thema haben.. Die Multimedia wird eine Auswahl der dreißig Jahre lang gemachten Fotografien, Beispiele aus der Zaza-Sprache und die Untermalung mit der Zaza-Musik sein.

Ursula Hemetek – Musik als identitätsbildender Faktor bei Minderheiten

Ansatzpunkte einer angewandten Ethnomusikologie Musik kann bei Minderheiten eine wesentliche Rolle bei der Identifikation mit der „eigenen“ Community spielen. Aktives Musizieren und Singen, aber auch passiver Musikkonsum kann z.B. eine Anregung sein, die – bereits vergessene – Minderheitensprache wieder zu erlernen und zu sprechen. Eigenbilder und Fremdbilder, die über die Musik vermittelt werden, können dabei eine Rolle spielen. Die politischen Rahmenbedingungen sind in jedem Fall von großem Einfluss. Da ich mich seit mehreren Jahrzehnten mit solchen Prozessen in Österreich beschäftige, möchte ich Beispiele von verschiedenen Minderheiten-Communities in Österreich anführen, insbesondere aber Beispiele aus der Roma-Community verwenden. Diese sollen als Vergleichsmaterial für eventuelle ähnliche Prozesse das Zazaki betreffend dienen, in denen eine angewandte Ethnomusikologie wirksam werden könnte.

Zweites Panel

Dieter W. Halwachs – Vitalität und Funktionalität dominierter Sprachen

Von den heute ca. 7.000 Sprachen haben nur 5% (ca. 350) offiziellen Status. Bloß 1% (ca. 70) sind dominant, was aus ihrer exklusiven oder primären Funktionalität in öffentlich-formellen Domänen auf staatlicher Ebene resultiert. Alle anderen auf dem Territorium eines Staates verwendeten Sprachen – statuslose aber auch kooffizielle sowie die offizieller Minderheiten – sind dominierte Sprachen. Kompetenz in der dominanten Sprache ist Voraussetzung für die Teilhabe an politischer und wirtschaftlicher Macht sowie für unbeschränkten Zugang zum Bildungssystem. Sprechergemeinschaften dominierter Sprachen sind folglich mehrsprachig und stehen unter Assimilationsdruck. Die Aufgabe der dominierten Sprache zugunsten der dominanten ist ein mögliches Szenario. Gerade Minderheiten “bezahlen” für die sozioökonomische Integration häufig mit soziokultureller Assimilation. Drohender Sprachverlust als Symptom des sozialen Wandels innerhalb einer Sprechergemeinschaft, der als Identitätsverlust empfunden wird, führt in der Regel zu Aktivitäten, die kulturelle Eigenständigkeit durch das Symbol Sprache zu bewahren. Die einschlägige Literatur behandelt solche Bestrebung unter Reversing Language Shift und Language Revitalisation.

Der Vortrag behandelt Strategien zur Vermeidung von Sprachwechsel sowie Revitalisierungsmaßnahmen auf dem Hintergrund der Vitalität und Funktionalität dominierter Sprachen.

Katharina Brizic – Zaza in Wiener Bildungs- und Sprachbiographien. Ein soziolingusitsicher Beitrag zu Diaspora, Konflikt und Zugehörigkeit

Die Zugehörigkeit zu einer sozialen oder sprachlichen, historisch gewachsenen Community ist eines der vieldiskutierten Themen neuerer Sozialforschung: Stellt eine solche Zugehörigkeit eine Ressource oder vielmehr ein Hindernis dar für Bildung und Aufstieg, ja gar für transethnischen oder transnationalen Dialog? Besonders wenig untersucht sind diese Fragen in Bezug auf viele jener Gruppen, die kleiner als andere, verfolgter als andere oder auch einfachweniger bekannt als andere sind. Zugehörigkeit geschieht hier vielfach im Verborgenen. Zugehörigkeit und deren Verweigerung, ob als Hindernis oder Ressource, sind auch Thema meines Vortrags. Ich werde dabei auf Sprach- und Bildungsbiographien Bezug nehmen, die ihren Ausgang in Zentral- und Ostanatolien genommen haben und in Wien einen neuen Lebensmittelpunkt fanden. Im Fokus steht einerseits die Sprache Zaza in ihrer Weitergabe über Generationen; andererseits aber geht es mir besonders um die Bedeutung der individuellen Biographien für kollektive Entwicklungen in Mitteleuropa und dem nahen Osten.

Das Beispiel, das ich bringen werde, ist das eines Zaza-Sprechers. Ich werde in meinem Beitrag herausarbeiten, was die Sprache für seine Biographie und die seiner Familie und Kinder bedeutet. Es zeigen sich in seiner Beziehung zum Zaza(-Kurdischen) wesentliche Unterschiede zu der Weise, wie Kurmanji-Kurdisch in Biographien dargestellt wird. Nichts desto trotz bezeichnet er seine Familiensprache Zaza durchwegs als Kurdisch. Die Sprache scheint für ihn weniger von lokaler, individueller als vielmehr von großräumiger, überregionaler sozialer Bedeutung zu sein.

Dies führt zurück zu den eingangs genannten Fragen, vor allem: Welche Ressource stellt die Sprache Zaza hier dar, im Vergleich zum Kurmanji? Welchen Weg nimmt die Sprache in der Migration und durch die Generationen? Lassen sich hier größere, d.h. kollektive Entwicklungen absehen, mit weiter reichender Bedeutung?

Inci Dirim – Modelle sprachlicher Bildung

Der Vortrag gibt einen Überblick über verschiedene Schulmodelle, mit Minderheitensprachen umzugehen. Vor allem Studien in den USA und aus Deutschland arbeiten die Vor- und Nachteile der verschiedenen Modelle aus, die im Vortrag mit Bezug auf die sprachliche Situation von Zaza-SprecherInnen in Österreich und in der Türkei diskutiert werden.

 

 

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