Appell an das Europaparlament und Forest Europe

  1. Appell

Sehr geehrte Damen und Herren! Sehr geehrte ERDLINGE!

Derzeit leben hunderttausende Menschen aus Dersim in Europa. Die ersten von uns kamen im Zuge der Gastarbeiterrekrutierung in unterschiedliche europäische Länder. Nach dem Militärputsch von 1980 in der Türkei sahen sich viele von uns gezwungen ins Ausland zu fliehen. Viele von uns erhielten in Europa Asyl. Die letzte Fluchtbewegung aus Dersim findet unter der autoritären Politikführung Erdogans gerade jetzt statt.

Seit Jahrzehnten tragen wir zum Wohlstand in Europa bei. Unsere Kinder besuchen die Schulen, wir Erwachsene sind in unterschiedlichsten Bereichen des Lebens als Arbeiterinnen und Arbeiter, Angestellte, Selbständige, Beamte etc. tätig. Wir pflegen nach wie vor Kontakte in die Region, weil wir dort Verwandte und Freunde haben. Viele von uns, die noch können und an der Einreise in die Türkei nicht gehindert werden, fahren gelegentlich auf Urlaub nach Dersim. Derzeit läuft eine Militäroffensive der türkischen Armee unter der Bezeichnung „Terrorismusbekämpfung“, dabei werden Natur und Landschaft verheerend zerstört.

Hiermit möchten wir, in der Diaspora lebende Menschen aus Dersim, das EU-Parlament und die Außenministerinnen und Außenminister der jeweiligen EU-Mitgliedsstaaten sowie die Organisation Forest Europe auf die aktuellen Waldbrände im Osten – dem kurdischen Teil der Türkei –, die auf Grund von militärischen Operationen der türkischen Armee gegen kurdische Einheiten stattfinden, aufmerksam machen. Die Türkei ist genauso wie viele andere europäische Staaten Mitglied der internationalen Organisation „Forest Europe”, die den Schutz der Wälder zum Ziel hat.

In der Region Tunceli/Dersim dauern nun die Waldbrände seit dem 27. Juli an. Die Bevölkerung versucht aus eigenen Kräften mit dem Feuer fertig zu werden, doch die Trockenheit und die immer neu entstehenden Feuerherde können laut Abgeordneten aus der Region zum türkischen Parlament, aber auch nach Einschätzung einiger Bezirksbürgermeister, nur durch professionelle Unterstützung aus der Luft und am Boden gelöscht werden.

Der Gouverneur der Region sagt, dass man an manche Feuerstellen gar nicht herankommen könne, weil dort die Militäroperationen weitergeführt werden. Der Gouverneur bringt die Sache damit auf den Punkt: Durch die Militäroperationen nimmt man die Waldbrände bewusst in Kauf. Hier dürfen „Forest Europe” und das EU Parlament nicht tatenlos zusehen. Denn in diesen Wäldern leben auch viele endemische Tier- und Pflanzenarten, die für die Menschheit eine Bedeutung haben und nicht nur für die Türkei. Offizielle Informationen, aus denen ersichtlich ist, wie die Brände sich entwickeln, fehlen zur Gänze. Wie viele Waldflächen abgebrannt sind und wie viele noch gefährdet sind, ist nicht überprüfbar. Wir appellieren an das EU-Parlament und an Forest Europe in dieser Sache zumindest Informationen über die Situation in der Region einzuholen.

  1. Eckpunkte zur historischen Region Dersim

Dersim bedeutet in Kurdisch das „Silberne Tor“ und ist inspiriert durch die Farbe des Munzurgebirges. Die Region wurde nach der gleichnamigen Militäroperation, bei der im Jahre 1938 über 70.000 Menschen massakriert wurden, „Tunceli“ genannt. Die Region Dersim/Tunceli steht auf Grund ihrer geographischen Konstellation immer wieder im Focus der türkischen Politik. Die Bevölkerung ist mehrheitlich Alevitisch, Zazaisch und Kurdisch. Es leben auch viele Armenier in Dersim.

Die Menschen in Dersim waren und sind immer dem Assimilationsdruck des türkischen Staates ausgesetzt. Die Türkei versucht durch zahlreiche, explizit für Dersim ausgearbeitete Sondergesetze, wie zuletzt nach dem Militärputsch von 1980 und aktuell unter Erdogan durch die Ausnahmegesetze, die Region nieder zu ringen. Durch Staudammbauten gegen Ende des vorigen und zu Beginn des 21. Jahrhunderts zielt die türkische Regierung darauf ab, die Bezirke von der Provinzstadt abzuschneiden, somit die Anzahl der Bevölkerung reduzieren und den offiziellen Stadtstatus der Provinzstadt Tunceli zu gefährden. Durch öffentlich wirksame Aktivitäten von in der Diaspora lebenden Menschen aus Dersim erkannten die beteiligten europäischen Staaten die hinterlistigen politischen Pläne der Türkei und zogen sich erfreulicherweise aus diesen Staudamm-Projekten zurück. Nun gefährden die jährlichen Waldbrände die Region.

  1. Die Forderungen der DersimerInnen

Das Waldschutzgesetz wird durch das Antiterrorgesetz in der Türkei aufgehoben. Das heißt, dort wo das Antiterrorgesetz zur Geltung kommt, verliert das Waldschutzgesetz seine Gültigkeit. Somit entsteht eine äußerst prekäre und gefährliche Situation für Fauna und Flora in der Türkei. Deshalb fordern wir:

  1. Das Waldschutzgesetz darf nicht dem Antiterrorgesetz, dessen Existenz ohnehin ein großes Problem zwischen den Beziehungen der Republik Türkei und EU darstellt, untergeordnet sein.
  2. Die EU fordert die Türkei auf die Öffentlichkeit über das Ausmaß des Feuers bzw. über die Größe der abgebrannten Waldflächen zu informieren.
  3. Das EU-Parlament möge die Türkei daran erinnern, dass der Schutz der Wälder und der Natur für Europa von großer Bedeutung ist.
  4. Kein Kampf, auch nicht ein „Kampf gegen Terrorismus“, darf die Zerstörung von Fauna und Flora legitimieren. Das ökologische Gleichgewicht in der Region muss geschützt werden.
  5. In der gegenständlichen Region befindet sich der Nationalpark Munzur, der als solcher im Jahre 1971 von der Türkei anerkannt wurde und den Schutz der UNO genießt. Dieser Park und die darin befindlichen endemischen Tier und Pflanzenarten dürfen nicht zerstört werden.
  6. Das EU-Parlament möge die Türkei auffordern, die spirituellen Gewohnheiten der AlevitInnen in der Region zu achten, und ihre Kultstätten vor Bränden zu schützen.
  7. Das EU-Parlament möge an die türkische Regierung appellieren, die Brandschutzmaßnahmen in der Region, insbesondere jene des Walddepartments, und die Feuerwehr zu stärken.

INITIATIVE: STOPPT DIE STAATLICH ERZEUGTEN WALDBRÄNDE IN DERSIM!