Am 23.5.2019 fand an der Westminster Universität in London das Symposium zum “Alevitischen Lehrplan an öffentlichen Schulen und in den Gemeindezentren” statt. Am Symposium beteiligten sich VertreterInnen von AlevitInnengemeinden aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien Österreich und die Türkei. Diese berichteten einander über ihre Erfahrungen zum Alevitischen (Religions-)Unterricht an öffentlichen Schulen. Meine Beobachtung zum Symposium möchte ich hiermit zusammenfassen…

In Großbritannien leben den Schätzungen der SprecherInnen der alevitischen Dachorganisation in London nach, in etwa 350 Tausend AlevitInnen. Die AlevitInnen in Großbritannien kamen nach dem Militärputsch von 12. September 1980 aus Maraş (mehrheitlich kurdisch besiedelte Provinz in der Ost-Türkei). Das Masakker an den AlevitInnen in Maraş ereignete sich im Dezember 1978. Dabei wurden AlevitInnen von ihren sunnitischen NachbarInnen und ExtremistInnen, die aus den umliegenden Regionen kamen, ermordet. Jährlich gedenken die AlevitInnen weltweit an die Ereignisse in Maraş. Insbesondere die alevitischen Dachorganisationen in Europa organisieren Gedenkveranstaltungen, um die Ereignisse, die ihnen wiederfahren sind, nicht zu vergessen.

Mit über 340 Organisationen in den europäischen Staaten bilden fast zwei Millionen AlevitInnen die größte zivilgesellschaftliche Organisation in Europa. Jeder europäische Staat ist durch verschiedene Umstände und Rahmen geprägt, die unterschiedliche Auswirkungen auf die Gemeinschaftsbildungen sowie Organisierungen der AlevitInnen haben. Während die größte dersimisch-alevitische Gruppe sich in Deutschland befindet, sind es die AlevitInnen aus Maraş, die die größte Gruppe in Großbritannien bilden. Die europäischen AlevitInnen pflegen also nicht nur transnationale Beziehung zu den AlevitInnen, die im ursprünglichen Herkunftsland Türkei leben, sondern sie halten auch intensive Beziehungen zwischen den europäischen Staaten aufrecht. Hier wirken interkulturelle Dimensionen miteinander und es bilden sich parallele Identitätsbildungsprozesse, die in den verschiedenen Lebensräumen in den europäischen Staaten unterschiedliche Ebenen durchlaufen.

Großbritannien sticht mit der hohen Selbstmordrate alevitischer Jugendlicher hervor. In den letzten zehn Jahren haben sich fünfzigtausend alevitische Jugendliche das Leben genommen. Der Akademiker Dr. Ümit Çetin erklärte, dass sich die erste Generation der AlevitInnen aus Maraş einigermaßen integrieren konnte. Sie kamen, um zu arbeiten, verdienten ihr Geld und investierten in Ländereien in ihren ursprünglichen Heimatsorten. Ihre Kinder mussten ihre Identität meistens leugnen und vielen wurde sogar die alevitische Identität durch die Eltern verschwiegen. Das Trauma durch das erlebte Massaker spiegelte sich im Schweigen der Eltern wieder. Neuem kulturellen Umfeld ausgesetzt, in der sie als die „AusländerInnen“ gesehen wurden und extern stets dem muslimischen Glauben zugeordnet wurden, aber auch da nicht dazu gepasst haben, sollen diese Jugendliche in eine Art „Identitätskrise“ geführt haben. Der Unterricht über das „AlevitInnentum“ soll die Kinder und damit die nächste Jugendgeneration davor bewahren in diese Identitätskrise hineinzutappen und vor allem ein gewisses Selbstbewusstsein über ihre Identität[2] zu entwickeln.

Seit 2011 wird in zwanzig Schulen der Regionen Hackney und Enfield in London der Unterricht über das AlevitInnentum ermöglicht. Die DirektorInnen Julia Clarke (Volksschule: Prince of Wales) und Barry Ackermann (Hauptschule: Highbury Grove Secondary School) erklärten, dass dieser Unterricht kein Religionsunterricht im herkömmlichen Sinne ist, sondern es wird sichtbar gemacht, dass es die AlevitInnen gibt und erklärt, wer die AlevitInnen sind. Gleichzeitig wird versucht für alle SchülerInnen Ethik-Inhalte aus der alevitischen Lehre, die das Leben und den Menschen ins Zentrum aller Existenz nimmt, gewonnen zu werden. 

Die Konferenz hieß einige Namen wie dem Bildungsarbeiter Turan Eser, Professorin der Alevitischen Theologie an der Universität Wien Handan Aksünger, dem ehemaligen Bildungsbeauftragten Yilmaz Kahraman, dem Jugendvorstand der Konföderation der Aleviten Gemeinden in Europa Nadir Bal etc. willkommen. Auch ich wurde eingeladen, um als Sozialwissenschaftlerin über meine Expertise zum Alevitischen Unterricht und die Situation in Österreich zu berichten. Auffällig war es jedoch, dass keine VertreterInnen der Islamisch-Alevitischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IAGÖ) eingeladen waren.

Turan Eser teilte seine Eindrücke zum Religonsunterricht in der Türkei mit. Diesen definierte er als “im Dienst der sunnitischen Konfession”, welche darauf ausgerichtet ist nationalistische und religiöse Generationen auszubilden, wie sich das der Präsident Recep Tayyip Erdoğan wünscht (Dindar Nesil). Der Religionsunterricht in der Türkei richtet sich nach dem Paradigma des “Türk-Türkisch-Sunnitisch-Muslim”. Das AlevitInnentum wurde erst im Jahr 2007 in den “verpflichtenden Religionsunterricht” in den türkischen Schulen aufgenommen, doch das Curriculum dazu sei durch islamische TheologInnen und StaatsbeamtInnen verfasst. Diese wiederum sollen sich, laut Eser, nach dem Schema der Entwicklung einer “sunnitsch-religiösen Generation” ausrichten. In diesem Curriculum würde ein “islamisierter AlevitInnentum” gelehrt werden. Demgegenüber stehen die pluralistischen Religionsunterrichtsmodelle in Europa (z.B. Hamburg), aber auch die auf Religionsfreiheit ausgerichteten Modelle (jede Religion kann separat unterrichtet werden; z.B. Österreich) bis hin zum französischen Modell, in dem die religiösen Symbole und Inhalte aus dem öffentlichen Raum zur Gänze verbannt sind, gegenüber. Andererseits erklärte Eser, dass es bis dato insgesamt kein standardisiertes und einschlägiges Unterrichtsmaterial zum AlevitInnentum gibt.

Erdal Kılıçkaya hielt einen kurzen Vortrag zur Situation des Unterrichts des AlevitInnentums in Frankreich und erklärte, dass seit dem Jahr 2001 die Verwendung jeglicher religiöser Symbole an den französischen Schulen gesetzlich verboten sei. Lediglich in der Sekundarstufe gäbe es einen Unterricht, welche allgemeine Information zu Religonen und Kulturen gibt.

Die schätzungsweise 200 bis 300 Tausend AlevitInnen, die in Frankreich leben, würden die Inhalte der alevitischen Lehre in den alevitischen Einrichtungen erlernen. Seit drei Jahren würden mit der Unterstützung von İsmail Kaplan, Yılmaz Kahraman und Turan Eser dieser Unterricht ermöglicht.  

Die britischen DirektorInnen erklärten, dass die Einführung des “Unterrichts über das AlevitInnentum” tatsächlich von den alevitischen Jugendlichen selbst plädiert worden wären und heute aktiv mitgetragen würden. Direktor Ackermann erklärte, dass die Jugendlichen Vorträge zu ihrem AlevitInnentum halten und auf Interesse bei Ihren SchulkollegInnen stoßen würden, was wiederum einen selbstbewussten Auftritt bei diesen Jugendlichen dann fördern soll. Die SchulkollegInnen hätten dadurch die Möglichkeit sich mit alevitischen Inhalten, die ein besseres Zusammenleben ermöglichen und in diesem Sinne universell und allgemeingültig im Namen der Zivilcourage und der friedlichen Co-Existenz seien, auseinander zu setzen.

Der Unterricht über die AlevitInnentümer in London wurde im Rahmen der Idee “Alevi Religion, Culture and İdentity Projects in Schools” entwickelt. Seit dem Jahr 1944 ist der Religionsunterricht in den öffentlichen Schulen Londons verpflichtend. Seit dem Jahr 1996 ermöglichte die “Education Act” die Communities mit der Befüllung der Inhalte des Unterrichts zu ihren Glaubensrichtungen.  

Der Vorstand der Föderation der Aleviten Gemeinden in Großbrittanien, İsrafil Erbil erklärte, dass es in London um die 260 Jugendgangs gäbe und fast 80 Prozent von denen alevitischen Ursprungs seien. Erbil beteuerte, dass im Unterricht über das AlevitInnentum vor allem die allgemeine Vorstellung der AlevitInnen und ihrer Glaubenspraktiken vollzogen werden würden. Dabei seien auch die heterogenen Gruppen innerhalb der AlevitInnen auf dem gleichen Nenner und könnten dem soweit zustimmen. Er fügte hinzu, dass es wichtig sei ein gesundes Verständnis an Zugehörigkeit und Sicherheit zu haben, um von da aus gute Beziehungen “nach Außen” zu entwickeln. Die Föderation der AlevitInenn Gemeinden in Großbritannien hat seit 2015 eine “Charity Comission” und kann somit als “All Party Parlemantary Groups” im britischen Parlament partizipieren.

Vergleichend erklärte Yılmaz Kahraman den Prozess der Einführung des Alevitischen Religionsunterrichts in Deutschland, in dem heute fast fünf Millionen MuslimInnen zuhause sind. In den 1990er Jahren hätten die deutschen AlevitInnen zum ersten Mal die Forderung der Einführung eines Alevitischen Religionsunterrichts. Allerdings konnte – so Kahraman – erst ab der Milleniumswende die Aufmerksamkeit des deutschen Staates geweckt werden, denn auch Deutschland soll das ähnliche Problem wie in Österreich gehabt haben, in der Islam-PädagogInnen und LehrerInenn aus der Türkei und anderen islamischen Staaten Propaganda gegen die Demokratie und europäischen Werte machten. Dieser Anlass führte Österreich sowie Deutschland dazu sich mit der Frage der Gestaltung des islamischen Religionsunterrichts auseinander zu setzen. Es wurden also die VertreterInnen der großen muslimischen Einrichtungen, die über 2700 (meistens Keller-)Moscheen (Tr. Cami) in Deutschland verfügten, zu einem Gespräch eingeladen: Die DİTİP (1000 Cami), die VİKZ (Süleymancılar; 380 Cami), die IR (Milli Görüş; 300 Cami) und ZMD (dominiert durch Arabisch-SprecherInnen).[3] Auch die Föderation der AlevitInnen Gemeinden in Deutschland hätte sich an diesen Gesprächen beteiligt. Kahraman betonte, dass die muslimischen Einrichtungen sich trotz ihrer institutionellen Getrenntheit in der Religion einigen konnten. Die AlevitInnen mit ihnen jedoch nicht. Gleichzeitig bestünden die muslimischen Einrichtungen jeweils auf ihre Autonomie und hätten sich nicht auf eine/-n SprecherIn geeinigt. Der deutsche Staat hätte sodann im Jahre 2004 die Untersuchung zum “AlevitInnentum” veranlasst. Letztendlich wurde im Jahre 2007 das AlevitInnentum in Deutschland anerkannt, wobei die VertreterInnen der muslimischen Einrichtungen sich – wie gehabt – organisch nicht verbünden wollten, und die staatsrechtliche Anerkennung des Islam in Deutschland somit bis heute ausbleibt. Laiut Kahrmane können heute vom alevitischen Religionsunterricht Gebrauch gemacht werden, sobald sich zwölf (diese Zahl ist je nach Bundesland unterschiedlich) SchülerInnen finden würden, die diesen Unterricht besuchen möchten.

Zur Situation in Österreich hielt Handan Aksünger einen Vortrag mit dem Titel “The status of Alevism lessons in Germany and Austria”[4], die als Professorin der Alevitischen Theologie lehrt, welche dem Islam-Institut in Wien untergeordnet ist. In Österreich wurde mit der Anerkennung der Islamisch Alevitischen Glaubensgemeinschaft (IAGÖ) im Jahre 2013 die alevitische Community institutionell in zwei geteilt. Jene AlevitInnen, die eine Anerkennung innerhalb des österreichischen Islamgesetzes (2015) nicht akzeptierten, sind unter der Führung der Föderation der Aleviten Gemeinden in Österreich (AABF) bereits seit zehn Jahren darum bemüht eine vom Islamgesetz unabhängige Anerkennung des AlevitInnentum zu erringen. Jene Statuten, die von Deutschland übernommen und für die Anerkennung in Österreich weiterverwendet wurden, stießen vor dem österreichischen Islamgesetz (1912[2015])auf ihre Grenzen. Die besondere Situation in Österreich verlangte die Konkretisierung des Verhältnisses des AlevitInnentums zum Islam.

Zusammenfassend – wie auch im Symposium zur Sprache gebracht – scheint es meiner Meinung nach insgesamt keine schlaue Entscheidung gewesen zu sein, die AlevitInnen/-tümer in einen Anerkennungszwang und noch dazu in der Form einer Religionsgesellschaft zu kanalisieren. Eine “ethnisierte Glaubensgemeinschaft”[5], die Jahrhunderte lang sich stets im “negativen Vergleich” zu den sunnitisch geprägten Staatsstrukturen zu definieren versucht und viele Methoden zum Selbstschutz vor Verfolgung angewendet hat, hat sich in dem Moment, in dem sie just über sich selbst zu sprechen begonnen hatte, im Zusammenhang mit den besseren rechtlichen Voraussetzungen, tatsächlich um die Anerkennung als Religionsgesellschaft bemüht. Dabei fehlt es bis heute an tiefergehenden Diskussionen und Untersuchungen dieser Gruppe, zumal diese über “keinen” Schriftkorpus verfügt und die Glaubensinhalte geheim und oral transmittiert sind. Jene schiitisch-muslimischen Symbole, die sie aufgrund ihrer ursprünglichen Abstammung aus einer Geographie, welcher durch islamisch-orthodoxe Dominanz geprägt ist und jegliche Kritik lebensbedrohlich war und ist, übernommen haben, scheinen ihnen heute zum Verhängnis geworden zu sein. Während in den eigenen Reihen die ausreichende wissenschaftliche Auseinandersetzung noch ausbleibt, werden sie von außenstehenden EntscheidungsträgerInnen nach wie vor in bereits bestehende Kategorien, wie z.B. dem Islam hineingezwängt, in die sie nicht hineinpassen und heute die Verwirrung bezüglich Identität und Zugehörigkeit aufrechter denn je sind.

Dabei scheinen die BritInnen einen vorläufig “einfacheren” Weg gewählt zu haben; so beteuert Cecilia Jenkins, die MitprojektträgerIn des alevitischen Unterrichts in Großbritanniens Schulen: “Wir möchten keine AlevitInnen schaffen, wir möchten das AlevitInnentum vorstellen und die AlevitInnen sichtbar machen”.

 

[1] Alevism Curriculum in Schools and Community Centres”; London, Westminister University, 23.5.2019

[2] In der Konferenz wurden die Begriffe „Identität“ und „Zugehörigkeit“ äußerst undifferenziert gehandhabt. Meiner Meinung nach handelt es sich vor allem um ein gesundes Verständnis und Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft.

[3] Alle Angaben von Yılmaz Kahraman.

[4] (Dt. Die Situation des Alevitischen Unterrichts in Deutschland und Österreich).

[5] Details zum Begriff: Arslan 2018; hier nur kurz: Oppositionelle soziale Gruppen, die sich gegen die sunnitisch-orthodox regierenden Staaten im Nahen Osten, symbolisch auf der Seite der schiitischen Rechtsschule, die sich im Zuge des Nachfolgestreits nach dem Tod des Propheten Mohammed entwickelt hat, gestellt und von hier aus eine politische „Ethnisierung“ erfahren haben.

 

Fotocredit: PIRHA