Studien und Statistiken zeigen, dass insbesondere die migrantischen Gruppen, die sich heute in der dritten Generation befinden jene sind, die sich ausgeschlossen fühlen und in manchen Situationen ihr Befinden in widerständigen politischen Haltungen und Aktionen zum Ausdruck bringen. Diese Generation ist vorwiegend ab der Millenniumwende in Österreich zur Welt gekommen und besitzt zu einem wichtigen Teil die österreichische Staatsbürger*innenschaft. Besonders jene, die aus äußerst präkarisierten Verhältnissen (Wohnung, Bildung, Arbeit etc.) kommen und trotz ihres sozusagen privilegierten Status, der ihnen spätestens durch den Erhalt der Staatsbürger*innenschaft zuteil werden sollte, keinen sozialen Aufstieg erreichen können, scheinen sich neue Inseln für ihre Zugehörigkeitsdefinitionen zu suchen. Beispielhaft sind die türkischen Jugendlichen, die im Wiener Favoriten Ende Juni 2020 das Ernst-Kirchweger-Haus attackierten und zuvor eine andere angemeldete Veranstaltung im selben Bezirk provozierten. In persönlicher Konfrontation erklärten die jungen Männer, dass sie „trotz ihrer Staatsbürgerschaft immer und ewig die Ausländer und die Schwarzköpfe“ bleiben würden. Im nächsten Zug erklärten sie, dass sie den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan verehren und folgen würden.

Diese Ereignisse im Favoriten, deren Nachbeben sich noch heute im Bezirk fortsetzen, haben einige Baustellen wieder zutage gebracht. Laut den letzten Angaben des österreichischen Innenministeriums sollen sich bei den Krawallen um Jugendliche handeln, die ursprünglich aus insgesamt 32 verschiedenen Nationen stammen. In ihrem Verhalten und ihrer Argumentation lassen sich Parallelen zu anderen auch autochton österreichischen rechtsextremen Milieus und Szenen feststellen.

Transnationale Kulturtransfers – Fallbeispiel Vorfälle in Wien Favoriten

Neben den transnationalen Einflussmanövern von Nationalstaaten, um politischen Einfluss über die diasporalen Gruppen in anderen Staaten zu kriegen, sind die eigendynamischen Verhältnisse der Gruppen besonders spannend. Z.B. bezeichnen die Türkei-stämmigen (sog. Deutsch-Türk*innen) in Deutschland, Deutschland als ihre „neue Heimat“, dennoch pflegen sie neben ihren verwandtschaftlichen und familiären Beziehungen aktive politische Verhältnisse zum Herkunftsland. In London z.B. gibt es parallele Situationen bei anderen migrantischen Gruppen.

Im Fall vom Favoriten handelt es sich um junge Männer -vorwiegend aus dem muslimischen Raum der Welt, die im Alter zwischen 12 bis 22 Jahren waren. Auch wenn das Thema ungefähr zwei Wochen lang medial groß gemacht wurde, waren sich die Politiker*innen am Ende des Tages nicht mehr einig, ob es sich um ein Sicherheitsproblem oder ein Integrationsproblem handelt, sodass das Thema auch angesichts der anstehenden Wienwahlen im Oktober 2020 abermals beiseitegelegt wurde. Mit den Defiziten und den Fragen, was alles in der sogenannten Integrationspolitik all die Jahre schiefgelaufen ist, schienen sich die politischen Parteien – nach ein paar kleinen Versuchen der gegenseitigen Schuldzuweisungen – nicht weiter befassen zu wollen.

Dieser Fall hat viele Fragen in den Raum geworfen, die auf Antworten warten;

Die Situation junger Menschen in der dritten und gerade in der vierten Generation der früheren (ab den 1970ern) Migrationsgeschichte Österreichs ruft zur Beleuchtung der Fragen über die Zugehörigkeit, Identitätsdefinitionsprozesse und die Dominanzverhältnisse in der gesellschaftlichen Zusammensetzung auf. Dass es sich in diesem konkreten Fall um eine Gruppe von jungen muslimischen Männern gehandelt hat, die äußerst aggressiv agierten und eine große Gewaltbereitschaft demonstrierten, wird auch mit dem weltkonjunkturellen Trend des politischen Rechtsrucks der letzten zwei Dekaden und entsprechender männlicher Politfiguren in den Führungen im Zusammenhang stehen.  Die weitere Präkarisierung wird unabhängig vom gleichzeitigen Erstarken der immer mehr zerstörerische Dimensionen annehmenden neoliberalen Produktionsverhältnisse, die sich mitunter in den klimatischen Bedingungen immer spürbarer zeigen, nicht erklärbar sein.

Die wechselseitige (migrantische Gruppen und Mehrheitsgesellschaft) Reduktion auf kulturell und konfessionell definierte selbst- und fremd-Zuschreibungen in der Identität erschweren einen Durchblick für Aspekte des gesamtgesellschaftlichen Zusammenlebens in gemeinsamen Lebensräumen. Schließlich zeigt nicht nur die Geschichte, sondern wird Zeit zu Zeit auch immer wieder zwischen den Zeilen lesbar, dass sozioökonomische Krisenmomente mit kulturell reduktionistischen Zuschreibungen einher gehen. Spürbarere rassistische Ausschreitungen weisen damit Überschneidungen mit den wirtschaftspolitischen Konjunkturen auf.

Die Blinden Flecken und die gesamtgesellschaftliche Verantwortung

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema verlangt einen interdisziplinären Zugang, der vor allem auch die intersektionalen Rahmenbedingungen und Voraussetzungen im Blick behalten soll. Die Hierarchiemechanismen- und Dominanzverhältnisse sowie bewusste und unbewusste Machtverhältnisse sind zu beleuchten. Genauso wichtig zu eruieren sind die Fragen, die im Zusammenhang mit dem Status des „Privilegiertseins“ stehen. Interessant ist es z.B., dass mitunter genau aus diesem Status heraus sich viele Menschen und Gruppen das „Recht“ nehmen, Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten nicht zu sehen (blinde Flecken), nicht zu hinterfragen. In dem Moment, wo diesbezügliche Fragen z.B. in der Selbstreflexion auftauchen würden, könnte der Weg in die Hinterfragung der eigenen Komfortzonen führen, was womöglich jenes unterbewusste (Selbstschutz-)Wissen ist, das den Schritt des Hinterfragens des eigenen Standpunkts und der eigenen Situiertheit verhindert.

In diesem konkreten Fall haben wir es mit verschiedenen Gruppen zu tun, die sich diverse Rechte nehmen, die ihre „Identitäten“ bestätigen (sollen). In manchen Fällen münden diese Dynamiken in die Entwicklung der Bildung rechtsextremer Gruppierungen insbesondere in den männlich Jugendszenen. Während kulturell und religiös definierte Zugehörigkeiten zu gespaltenen und polarisierenden Gruppenbildungen führen, steht die Frage im Raum, wie ein friedliches Zusammenleben von Menschen, die in einer globalen Welt immer engere gemeinsame Räume miteinander teilen, gewährleistet werden kann/soll?

Wenn bedacht wird, dass gerade die hiesigen Jugendlichen in Österreich geboren und in die österreichischen Schulen gegangen sind, daher über sehr gute Deutschkenntnisse verfügen, ist es umso spannender zu fragen, wie das Bildungssystem konkret funktioniert? Welchen Einfluss hat es auf den persönlichen Werdegang von jungen Menschen, die besonders intersektional geprägt sind? Wie funktioniert die Sprachvermittlung und was hat es mit dem sogenannten Ethikunterricht auf sich?

Besonders interessant sind dann die Einflüsse und Auswirkungen transnationaler Medieninhalte- und Strukturen auf die Lebenssituationen und (Da-)Zugehörigkeitsdefinitionen von Minderheiten in der Migrationsgesellschaft der europäischen Diaspora. Fragen, die sich dabei stellen lauten z.B. Wie und mit welchen Medien werden gesellschaftspolitisch relevante Inhalte übertragen und was machen diese Informationen mit den Gruppendynamiken und Selbstdefinitionen von Menschen, die in der Diaspora in diverse hierarchisch strukturierte Kategorien ein- und zugeordnet wurden/werden? Welche Ungleichheiten werden dabei reproduziert und welche neuen, alten Feindbilder werden rekonstruiert? Wie stehen diese Dynamiken mit der Männer-dominierten Ideenwelt in Relevanz? Wie positionieren sich die Gruppen im Rahmen medial übermittelter gesellschaftspolitischer Einflüsse ihrer postkolonialen Nationalstaaten dann in den neun Lebensmittelpunkten in den Einwanderungsländern? Und was macht das mit den Dynamiken der Provokation von Rassismen in post-migrantischen Gesellschaften?

Ureuropäische Geschichte und Legitimierung von Gruppenzugehörigkeiten

Es ist zu beobachten, dass je stärker die Politik nach rechts rückt, damit einhergehend die neoliberalen Funktionsweisen härter und einengender werden, sich die Gruppen umso mehr in radikaleren und schärfer abgestimmten Gruppenzugehörigkeiten zusammenfinden. Ecken und Kanten bzw. die Fronten werden klarer sichtbar. Wie sich diese Entwicklungen und Trends Gruppen-dynamisch zeigen, wo es Überschneidungen, Überlappungen und Abweichungen gibt, können mit diversen Methoden analysiert und Optionen aufwerfend interpretiert werden. Ein besonderes Augenmerk müsste auf die Situation der Frauen geworfen werden, denn die Räume werden durch die Männer dominiert und insgesamt scheint sich eine Gewaltspirale zu entwickeln, unter der insbesondere Frauen gefordert sind und ihnen rechtliche Errungenschaften wieder aus der Hand genommen werden.  

Die Geschichte der identitätsstiftenden Nation, des citoyens als freien, selbstbestimmten Menschen ist bis heute das Fundament der Diskurse über Gesellschaft, politische Systeme und Transformation. Diese ureuropäische Geschichte dient ebenso als Legitimierung von Gruppenbildungen und Zuordnungen, sei es als Ideen- oder Glaubensgemeinschaft, sei es als Ethnie oder Milieu. All diese Diskurse und Kategorien entstanden jedoch aus einem männlichen und machtdominierenden Narrativ heraus und gleichen Paradigmen, ja sogar Dogmen, deren De-Konstruktion oder zumindest der Versuch daran scheitern, dass es jene versucht haben, die nicht Teil der Geschichteschreibung waren, nämlich Frauen und Minderheiten, Unterdrückte und Verfolgte.

Es bedarf eines intersektionalen und interdisziplinären Ansatzes, welcher marginalisierte Gruppen von mehreren verschiedenen interdependenten Ebenen aus erfasst. Zumal diese mit den dominanten Paradigmen und einem weltsystemischen Diskurs männlich-patriarchaler Narrative nicht erfasst und erklärt werden können. Die Auseinandersetzung mit marginalisierten Gruppen bedingt die nähere Betrachtung der soziopolitischen und historischen Entwicklungen auf der transnationalen Ebene.

Das Thema ist äußerst breitgefächert und kann aus unterschiedlichen Aspekten heraus bearbeitet werden; v.a. in Relevanz zu Identitäts- und Zugehörigkeitsdefinitionsprozesse sowie Transferprozesse im Spektrum diasporaler Entwicklungen in einer globalisierten Welt mit immer enger werdenden gemeinsamen Lebensräumen.

Die Auseinandersetzung mit dem Thema aus einem Diskurs heraus, der nach wie vor durch die männliche Ideenwelt dominiert ist, führt zu äußert problematischen Ergebnissen, die die Ausschluss- und Diskriminierungsmechanismen systemisch und strukturell tagtäglich re-produzieren – so insbesondere auch unter den gegenwärtigen politischen Rahmenbedingungen und entscheidungstragenden Akteur*innenschaften.

21.09.2020

zeynemarslan.

 

Fotoquelle: APA/HERBERT NEUBAUER