Wir sind im 21. Jahrhundert und unsere Zeit ist immer noch vom Nationalstaatsmodell des 18./19. Jahrhunderts geprägt. Diese baut im Grundgerüst auf ein Territorium, eine Sprache und eine Nation auf. Der Gesellschaftsvertrag vereinte alle Gruppen im Territorium in einer institutionell (zum Teil auch physisch: siehe Vertreibungen, Genozide etc.) homogenisierten Nation, die vor allem auf Emotionen wie Hass, Trauer, Geschwisterlichkeit (Ethnie, Religion) und vor allem Angst aufbaute. Die gemeinsame Vergangenheit (diverse Kriege) und durch diese Homogenisierung definierte Freund- und Feindschaftsverhältnisse gegenüber von Ein- und Ausgeschlossenen („Andere“) bestimmten den Rahmen des „Zusammengehörens“ (WIR), das auf eine gemeinsame Schicksalserzählung (Mythen von der Vergangenheit für die Gegenwart) aufbaute. Dieses Modell wurde zu Beginn und dann wieder Mitte des 20. Jahrhunderts von anderen Räumen in der Welt übernommen und es konnte sowohl von „oben“ (institutionell) als auch von „unten“ (Gesellschaft) die „Einheit“ in der tatsächlichen Vereinheitlichung, die viel Blut und Menschenleben kostete, forciert werden.

Es geht um die Zusprechung von Privilegien an die von „unten“ und von „oben“ koinzidierten Definition von „StaatsbürgerInnenlichkeit“. [Der „privilegierte Staatsbürger“ (bewusst „männliche“ Ausführung, da androzentristische Erzählung) in der Türkei ist z.B. ein Türke, der Türkisch spricht und der Sunnitisch-Islamischen Konfession angehört. Dieser Staatsbürger kann sich am untersten Rand der ökonomischen Hierarchie befinden und dennoch ist er in seinem „Türkentum“ gegenüber einem Kurden, der sich im gleichen ökonomischen Rang befindet, privilegiert.] Während der Einschluss im Rahmen dieser Kategorie an bestimmte Kriterien (Sprache, Religion, Ethnie) gebunden ist und selbst dann innerhalb dieses Status‘ Kategorien definiert werden, wie „autochtone StaatsbügerInnen“, „StaatsbürgerInnen mit Migrationshintergrund“ etc. werden entlang dieser Hierarchisierung dann Kategorien wie „Flüchtlinge“, „Schutzbedürftige“, „MigrantInnen“, „Neue-MigrantInnen“, „AsylwerberInnen“, „Staatenlose“ etc. vertikal weiter definiert. Die Frage nach den Kriterien des „Dazugehörens“ und des „Nichtdazugehörens“ und damit Beteiligung und Ausschluss von Privilegien bzw. den privilegierten Zonen, wie z.B. dem Wahlrecht, Wohnrecht, Arbeitsrecht, Recht auf Gesundheit, Recht auf Bildung etc. sind nach wie vor umkämpfte Terrains. Doch wer oder was bestimmt welche Menschen welche Privilegien in welcher Weise in Anspruch nehmen können und welche nicht?

Es flüchten also Menschen aus Ländern, in die privilegierten Länder des „globalen Nordens“, deren EntscheidungsträgerInnen Waffen verkaufen, am globalen Wirtschaften teilnehmen und die lokalen Kriege mitsteuern. Menschen flüchten in der Hoffnung auf eine zweite Chance im Leben und nehmen es in Kauf, dass sie samt Familie und Kinder im Mittelmeer ertrinken. Wie groß muss die Not sein, dass Menschen in der Hoffnung auf eine zweite Chance den Tod in Kauf nehmen können? Wie kann es passieren, dass Menschen, die ursprünglich im Wohlstand lebten plötzlich in der Hoffnung auf eine zweite Chance dem Tod ins Auge zu sehen bereit sind? Es handelt sich oft um Menschen, die in ihren privilegierten Zonen in ihren ursprünglichen Lebensräumen gerüttelt wurden, und aufgrund dessen, dass sie noch eher im Besitz vom Kapital sind, womit sie Menschenschmuggler bezahlen können, es wieder sie sind, die die zweite Chance überhaupt noch in Anspruch nehmen können. Diese Schicksalswende wurde im Zweiten Weltkrieg auch Europa zuteil. Und innerhalb des existierenden Weltsystems, das auf Einschluss- und Ausschlusspraxen entlang zentralistisch (z.B. nationalstaatlich) definierter Kategorien aufgebaut und gespalten ist, gibt es keine Garantie dafür, dass es nicht wieder jene Zonen treffen wird, die gegenwärtig als die so genannten Privilegierten gelten.  

Menschen flüchten nicht nur wegen Krieg, sondern auch wegen anderen Gefahren, wie z.B. Umweltkatastrophen, die gegenwärtig wieder das Bewusstsein der Menschen besonders in den privilegierten Zonen der Welt beschäftigen. Es werden „alternative“ Wege des „umwelfreundlich(er)en“ Konsums gesucht und dabei die systemischen Probleme auf Individuen delegiert, die sich mit ihren Gehältern, mit denen sie gerade mal für ihre Existenz aufkommen können, dieses „umweltfreundliche(re) Leben“ erst gar nicht leisten können, denn auch dahinter wurde eine Art Lifestyle entwickelt, die wiederum sein eigenes Klientel erzeugt. In der Postmoderne scheinen „Alternativen“ oft absorbiert zu werden, um lediglich die bestehenden Strukturen zu re-produzieren. Dieses Klientel kann sich ein „umweltfreundlich(er)es Leben“ tatsächlich leisten, doch die Antwort darauf, wie dem entgegengewirkt werden kann, dass ein „Fair Trade“ nicht wiederum der Re-produktion des bestehenden Systems dient, steht bis heute aus. Ein skizzenhaftes Beispiel dafür kann mit den Hinweisen auf Zigarettenverpackungen zu gesundheitlichen Schäden, die durch das Rauchen verursacht werden können, liefern. Es werden Gesetzesbeschlüsse gefasst und Rauchverbote gesetzlich erteilt, doch die Tabakindustrie produziert weiter und Zigaretten werden weiterverkauft, zumal immer wieder neue Produkte am Markt dann auch noch landen. Das gleiche gilt für den Plastikverbrauch. Während auf den Plastikflaschen Information bezüglich ihrer Umweltschädlichkeit etikettiert werden, hört weder die Produktion und Verwendung der Plastikflaschen (und Co) durch die Industrie auf, noch wird ausreichend für das Recyceln gesorgt. Wie ist das möglich, dass systemisch erzeugte Umweltverschmutzung in den Verantwortungsbereich von einzelnen Individuen abgewälzt wird?    

Menschen, die flüchten werden durch die Politik zum Problem gemacht, weil sie vor UNSEREN Toren UNSERER privilegierter Lebensräume stehen. Mit Schutzmauern und Festungen möchte die Politik diese WeltbürgerInnen, die im Nationalstaatsmodell als die „Anderen“ kategorisiert sind, außen vor lassen. Die Moral, die hier artikuliert wird, „schützt“ die „Unsrigen“ und schickt die „Anderen“ in den Tod und im Interesse der „Unsrigen“ ist der Tod der „Anderen“ sogar notwendig, denn die „Unsrigen“ sollen in ihren/unseren Konfortzonen nicht gerüttelt werden, doch wer sind eigentlich die „Unsrigen“? Wer sind in Wirklichkeit die Privilegierten? Wer hat die wirkliche Angst, dass diese Konfortzonen herausgefordert werden würden? Welche Angst ist das? Wessen Angst ist real und wessen inszeniert? Die Angst, was zu verlieren? Vor wen oder was möchte uns also wer beschützen, wenn Carola Rackete Menschen aus dem Mittelmeer vor dem Tod rettet? Wie moralisch ist es und wie lässt sich das mit unser aller aktuellem Dasein und unserer Menschlichkeit vereinbaren, wenn wir unsere Leben weiterfortsetzen – sehr wohl im Wissen darüber, dass Menschen im Mittelmeer vor den Festungen unserer „privilegierten“ Zonen sterben? Vor wem und durch wen werden jene „privilegierten“ Menschen, die mehr als die Hälfte ihres Gehalts für die Wohnungsmiete zahlen müssen, geschützt? Vor wem und durch wen werden jene „privilegierten“ Menschen, die auf die „bedarfsorientierte Mindestsicherung“ angewiesen sind, geschützt? Vor wem und durch wen werden jene „privilegierten“ Menschen, die keine Garantie auf ihre Pension und ein faires Gesundheitssystem mehr sehen und aktuell sogar bis zu zwölf Stunden Arbeit verrichten müssen, wenn es ihre DienstgeberInnen so wünschen, geschützt? Während die europäischen Gesellschaften vor der so genannten „Flüchtlingswelle“ geschützt werden, werden gleichzeitig der Gurt bei der europäischen Bevölkerung immer enger geschnallt und es stellt sich die Frage, vor wem sich die EuropäerInnen mehr fürchten sollen? Immer noch vor den Flüchtlingen? Wer aller ist mitverantwortlich dafür, dass die ursprünglichen Lebensräume von flüchtenden Menschen zur Hölle gemacht werden? Wo lassen sich die Grenzen ziehen, wenn wir daran denken, dass es nur einen Lebensraum für uns alle in diesem Gesamtorganismus gibt; in der ethnischen, linguistischen, religiösen, geschlechtlichen, kulturellen Ebene? Was eint die Menschen und was trennt sie, wenn sie alle um das Überleben ringen müssen? Sich ihre Miete, ihre Gesundheit, ihre Ernährung, ihre Bildung etc. unter immer mehr prekären Umständen erarbeiten müssen?

Carola Rackete ist aus ihrer Konfortzone ausgestiegen und hat gehandelt. Ihr Handeln hat an den Konfortzonen anderer privilegierter Menschen gerüttelt, die sich in ihrer eigenen Haltung und ihrer Menschlichkeit plötzlich in Frage gestellt fühlten. Es ist eine Eigenschaft des „privilegierten Daseins“, von den Problemen wegzuschauen, um ja nicht im eigenen Dasein in Frage gestellt zu werden bzw. die eigene Lebensrealität selbst in Frage stellen zu müssen. Carola Rackete hat mit ihre Handlung und Haltung für viele „privilegierte“ Menschen einen Spiegel vorgehalten und die EntscheidungsträgerInnen der privilegierten Zonen wollten zunächst mit der Bestrafung dieser „Spielverderberin“ alle anderen noch einmal daran erinnern, dass sie zum „Schutz ihrer privilegierten Konfortzonen“ gegen die „Anderen“ zusammenhalten müssen.

Heute sind es jene, die sich außerhalb der Konfortzonen im „globalen Norden“ befinden, die den Preis für die individualisierten, atomisierten, entsolidarisierten Lebensweisen zahlen müssen. Doch wer wird es morgen sein, wenn es doch nur eine Welt gibt, in der alle zusammen leben müssen? Oder etwa, wird immer noch auf die vergebliche Suche nach weiteren Kolonien im All gehofft? Und überhaupt, welche unter uns werden denn wiederum im Stande sein, diese kolonisierten Lebensräume im All in Anspruch zu nehmen, wenn die Erde kein lebenswerter und lebenswürdiger Ort mehr sein wird..? Etwa jene, die sich monatlich ihre Miete und ihren Lebensunterhalt hart erarbeiten müssen?

In Österreich des 21. Jahrhunderts fiel der Begriff „Bevölkerungsaustausch“ und die hiesige Partei wurde nicht deswegen und den anderen menschenverachtenden Ressentiments zum Rücktritt gezwungen. Der Bevölkerungsaustausch in der Türkei zu Beginn des 20. Jahrhunderts erzeugte zwei Millionen MigrantInnen und an die zwei Millionen Tote. Wie ist es möglich, dass in einer Welt, die interdependenter und miteinanderverwobener ist denn je, verachtende Debatten über Menschen, die in diverse Status‘ kategorisiert werden, geführt werden können? Auch die Diskussion zur Erschließung einer Insel, auf die Menschen in der Flucht quarantiert werden sollten, um von dort aus „ausgewiesen“ zu werden, fand Bühne in Österreich. Nicht nur, dass diese Art und Weisen eine Zumutung an die österreichische Gesamtgesellschaft ist, sondern steht aktuell die Frage im Raum, wie es also möglich ist, dass EntscheidungsträgerInnen im „globalen Norden“ sich erlauben können, die menschenwürdige und solidarische Aktion von Carola Rackete überhaupt erst in Diskussion zu stellen? Was macht das eigentlich mit dem Gewissen und Charakter jedes einzelnen Menschen, die ZeugInnen von diesem Getue ihrer EntscheidungsträgerInnen werden?

Das ist ein weiterer Schiffbruch in der Menschheitsgeschichte und Schiffsbrüche sind Momente des Neuerwachens! Das sind Momente der Solidarisierung und Entwicklung von Gesellschaftspolitiken, für die jedes Individuum Verantwortung für seine Pflichten und Rechte zu übernehmen und Anerkennung, Fürsorge, Wertschätzung und Respekt für das Dasein „Anderer“ letztendlich zum Wohlergehen des eigenen Daseins zu gebühren aufgerufen ist, denn die Kriege, die im „globalen Süden“ erzeugt werden, können niemals unangetastet an uns vorbeigehen. Die Waldrodungen und Umweltkatastrophen, die in den Weltmeeren erzeugt werden, können ebenso nicht unangetastet an uns vorbeigehen, noch weniger die Art und Weise der Nahrungsmittel- und Konsumgüterproduktion und insgesamt ist es eine Systemfrage, die wiederum die Definition eines menschenwürdigen Lebens im Einklang mit Natur und Fauna ins Zentrum seiner Globalisierung zu setzen aufgerufen ist, anstelle – wie bisher des Kapitals…

zeynemarslan

02.07.2019