In den europäischen Staaten leben heute an die zwei Millionen AlevitInnen. Auch wenn die Praxis reichlich Aufholbedarf prognostiziert, erklärt die alevitische Lehre alle Menschen als gleichberechtigt, begrüßt die Vielfalt, respektiert das Universum und den Einklang mit der Natur, ist diesseitig und nicht dogmatisch.

Die AlevitInnen gehören zu den ersten GastarbeiterInnen in den europäischen Staaten. Politisch diskriminiert und sozioökonomisch benachteiligt, waren es die AlevitInnen, die in den 1960er Jahren als erste in die Diaspora emigriert sind. Alevitische Männer und Frauen stehen mitten im Berufsleben und haben zu einem großen Teil die StaatsbürgerInnenschaften der europäischen Staaten inne, in denen sie ihre neuen Lebensmittelpunkte pflegen. Mittlerweile sehen sich vor allem die jugendlichen AlevitInnen als „Europäische AlevitInnen“ und sind um ihre Mitsprache- und Gestaltungsrechte in den Gesellschaften bemüht, deren Teil sie längst geworden sind.

In Europa gibt es über 300 alevitische Vereine und Cemevi (Dt. Alevitische Gebets- und Versammlungshäuser). Im Europarat gibt es die „Europäisch-Alevitische Freundschaftsgruppe“ und die Dachorganisationen der alevitischen Einrichtungen in Deutschland und Österreich feiern heuer 30 Jahre Jubiläum.

Die europäischen AlevitInnen sind Teil der europäischen Gesamtgesellschaft und wirken in den Demokratieerhaltungs- und förderungsprozessen mit. Als eine Diasporagemeinde haben sie ihre Identitäten in die neuen Lebensräume mitgebracht und konstruieren hier neue Identitätsbilder. Sie pflegen emotionale Bindungen zur ursprünglichen Herkunft und sind bemüht transnational positive Einflüsse in Richtung Demokratisierung in der Türkei, in der heute 20 Millionen AlevitInnen beheimatet sind, auszuüben.

In der Europäischen Union gilt es die Demokratie und die sozialen Werte zu stärken, denn Menschen sind nicht das Problem und es können Verbesserungen und Veränderungen in den Systemen forciert werden, die ein besseres Miteinander ermöglichen!

 

Wer sind die AlevitInnen?

Die im Ursprungsland Türkei nicht anerkannte Glaubensgemeinschaft der AlevitInnen hat in der europäischen Diaspora (England, Dänemark, Schweiz: Basel, Deutschland: Baden-Württemberg, Nordrhein Westfalen, Bayern, Bremen, Hessen, Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Saarland, Rheinland-Pfalz und Berlin) rechtliche Anerkennung errungen. In Österreich haben die gesetzlichen Bedingungen dazu geführt, dass sich die Spaltung der AlevitInnen institutionalisiert hat. Seit dem 13. Dezember 2013 ist eine Strömung der alevitischen Gemeinschaft, nämlich die „Islamischen AlevitInnen” (IAGÖ) als Religionsgemeinschaft in Österreich anerkannt. Die Islamischen AlevitInnen – die ursprünglich Mitglieder des Wiener Ortsvereins der Dachorganisation/Föderation der Aleviten Gemeinden in Österreich, AABF, gewesen sind – haben mit dem Beschluss des neuen Islamgesetzes (Islamgesetznovelle) am 25.02.2015 das Wort „islamisch“ entfernt und ihren Namen auf ALEVI umgeändert. Seither ist diese islamisierte Gruppe der AlevitInnen durch die österreichischen Behörden, als Repräsentanz und Vertretung der gesamten alevitischen Bevölkerung in Österreich rechtlich legitimiert.

Föderation der Aleviten Gemeinden in Österreich, AABF ist als Mitgliedsorgan der Konföderation der Aleviten Gemeinden in Europa bemüht, dass ein authentisches und vom österreichischen Islamgesetz unabhängiges AlevitInnentum anerkannt wird, welche die verschiedensten Strömungen innerhalb der AlevitInnen/-tümer im Sinne des alevitischen Spruchs „Yol bir Sürek binbir“ (Dt. Der Weg ist Eins, doch die Art diesen Weg zu beschreiten ist Tausendundeins) vereint. Der gemeinsame Weg ist es das Stadium des „vollkommenen Menschen“ zu erreichen, welcher von den unguten Seiten des menschlichen Daseins bereinigt ist und sich am Ende mit der Schöpfung vereint, denn „nichts entsteht und kommt aus dem nichts“. In diesem Sinne lehnt es die AABF ab, in das österreichische Islamgesetz hineingezwängt und auf den islamischen Glauben, dessen Symboliken sie aufgrund politischer sowie historischer Gründe innehat, reduziert zu werden.

 

MMag. Dr. Zeynep Arslan, M.A.

Co-Präsidentin der aleviten österreich; 08.05.2019